Chôro
Wie so oft ist die genaue Herkunft einer Bezeichnung nicht ganz klar. Laut Wikipedia gibt es gleich drei Erklärungen über den Begriff. Das portugiesische Wort «Chôro» – ausgesprochen «Dschoru» – bedeutet auf Deutsch «Klage», ja gar «weinen». Aber auch «Xolo» als Vorläufer des Wortes Chôro wäre möglich. «Xolo» hiess ein afrikanischer Tanz. Schliesslich wäre auch eine Verkürzung von «Charamela» – ein Hinweis auf eine Schalmei – hin zu «Chôro» eine Möglichkeit. Der Ursprung der Bezeichnung spielt allerdings keine grosse Rolle, Hauptsache, die Musik berührt die Herzen der Spielenden und der Zuhörenden!
Viele musikalische Einflüsse
Ausgewanderte Portugiesen trafen in Brasilien aber auch auf afrikanische Rhythmen und Harmonien und verwoben diese mit ihren eigenen musikalischen Traditionen. Seit 2011 steht der Fado auf der Liste des Immateriellen Kulturerbes der UNESCO. Auch der Tango floss in die Musik ein. Später kamen zudem Blues- und Rock’n’Roll-Elemente dazu. Diese Mischung aus ganz verschiedenen Stilen macht den Reiz des Chôros aus. Lange Jahre war diese Musikrichtung in der Versenkung verschwunden. Die Musiker um Jürg Kindle bringen den Chôro seit einiger Zeit wieder einem begeisterten Publikum näher. .
Vielfältige instrumentale Gestaltung
Das Ensemble bot seinem Publikum eine Klangvielfalt sondergleichen. Dabei kamen die verschiedensten Instrumente zum Zug. Charly Baur spielt Klarinette und Bandoneon. Er war lange Klarinettist im Sinfonieorchester St.Gallen. Obwohl man das Bandoneon vor allem der argentinischen Tango-Musik zuschreibt, wurde es von einem Deutschen namens Heinrich Band aus einer Konzertina entwickelt. Es blieb allerdings das Instrument der europäischen Einwanderer. Jürg Kindle, Leiter und Arrangeur der Band, trat mit dem Bandolim – portugiesischer Name für eine Mandoline – auf. Er wechselte bei manchen Stücken auch auf eine Gitarre. Richard Kronig fiel mit seiner wunderschönen, in Eigenbau gefertigten Gitarre auf. Zudem strahlte er bei jedem Ton, den er spielte. In einigen Stücken benutzte er auch eine Cavaquinho, einer Art Ukulele mit Stahlseiten. Der Musiker bietet auch Kurse zum Bau einer eigenen Gitarre an. Ralph Hufenus schliesslich legte mit seinem riesigen Kontrabass den Boden für den Ensemble-Klang. Er war der ruhende Pol während des ganzen Konzerts.
Perkussion mit einfachsten Mitteln
Markus van Grinsven sorgte auf verschiedenen Rhythmusinstrumenten für den richtigen «Groove». Da stand aber kein Schlagwerk auf der Bühne. Nein, ein Schellentamburin musste reichen. Auch ein Triangel bekam durch van Grinsvens Spielweise plötzlich Schwung und Rasse. Manchmal hielt er auch eine Art Rasseln in den Händen und feuerte damit das Spiel seiner Musikerkollegen an.
Begeisternde Spielfreude
Die fünf Männer fanden mit ihrer eigenen Begeisterung für diese musikalische «Weltreise» sofort Zugang zum Publikum. Die unterschiedlichen Instrumente brachten viel Abwechslung in die Klangfarbe der einzelnen Stücke. Immer wieder wechselte ein Thema von einem Instrument zu einem andern, schlug einer eine Melodie an, die ein Kollege übernahm – meist mehrmals, da viele der auf dem Programm stehenden «Lieder» viele Schlaufen nahmen, bis sie endeten, was oft etwas verblüffte. Es gab aber auch ganz abrupte Schlüsse, manchmal atemberaubende Tempi.
Das Stück «O mundo e un minho» – laut Jürg Kindle mit Einflüssen von Elvis Presleys Rock’n’Roll -, leitete die Pause ein. Bei angeregten Gesprächen wurde Getränken und feinem Speckzopf zugesprochen. Das gehört bei der Donnerstags-Gesellschaft fast immer dazu.
Mit dem Leben verbunden
Viele der gespielten Stücke waren Szenen aus dem Leben. Die Playlist enthielt Titel wie «Noites Cariocas“ – übersetzt «Cariocas Nächte» – oder «Andre de sapato novo» – «Andre mit neuen Schuhen». Sie brachte jedoch manchmal auch ziemlich komische Szenen zum Vorschein. Denn, wenn nach einem «Wirbelwind aus Küssen» – «Turbilhao de Bejos» – gleich «Nao me toques» folgte, also «Fass mich nicht an», so verstand man die Welt für eine kurze Zeit nicht mehr. Die Küsse liessen die Füsse im Walzertakt etwas mitwippen, die Klarinette sorgte für den sehnsüchtigen Klang. «Fass mich nicht an!» dagegen begann sehr verhalten, ja scheu, der Perkussionist benutzte hier eine andere Schlagtechnik auf seinem Tamburin, bis das Stück schliesslich immer mehr Fahrt aufnahm.
Aber auch «Lamentos», was so viel wie «Klagen» bedeutet, wurden musikalisch angebracht. Im Stück «Brasilheirinho» am Schluss des offiziellen Programms zeigte Markus van Grinsven noch einmal seine ganze Kunstfertigkeit. Schloss man die Augen, sah man ein ganzes Schlagwerk vor sich, obwohl «nur» das Tamburin den Rhythmus erzeugte. Das Publikum quittierte diese Einlage mit tosendem Applaus.
Als Zugabe spielten die vier Männer eines der am meisten gespielten Werke des brasilianischen Komponisten und Sängers Pixinguinha namens «Carinhoso», was «Zuneigung» bedeutet. Mit grossem Applaus wurden die fünf Musiker darauf verabschiedet. Dem Publikum hatte sich mit diesem Konzert eine völlig neue Musikwelt erschlossen.


